An einem Sonntag im April zog Katze Kenya bei uns ein. In ihrem noch zarten Alter von gerade 12 Wochen und nach einer sehr langen Autofahrt würde sie sich zunächst einmal ausruhen wollen. „Nichts da!“ sprach Kenya, entstieg dem Transportbehälter und, als hätte sie ein lange ersehntes Betätigungsfeld endlich gefunden, nahm sie ohne Umschweife und Begrüßungsformalitäten Geschäfte in ihrem neuen Heim auf, deren Dringlichkeit nur sie kannte.
Vom Keller bis zum oberen Stockwerk eroberte sie im Laufschritt jede Ecke, jeden Winkel des Hauses mit einer Betriebsamkeit, die keine Rücksicht nahm auf genervt aufspringende Alteingesessene, mit unternehmungslustig aufgestelltem Schwanz wie der Henkel einer Kaffeekanne und konzentriert nach vorne gerichtetem Blick.
Unsere Stammkatzen, in ihrem geruhsamen Alltag aufgestört, beobachteten das wuselige Mitbringsel argwöhnisch und fragten sich, ob es hoffentlich bald wieder verschwinden würde.
Es würde nicht und zog weiter seine Kreise.
Da wir diese kleine Katze eigentlich auch zu unserer Freude geholt hatten, suchten wir nach Möglichkeiten, mit ihr in Kontakt zu treten und wandten uns immer mal wieder gesprächsweise an sie. Der wortlose und doch beredte Kommentar ihrer Augen war stets gleich lautend: „Keine Zeit! Vielleicht später einmal!“
„Zumindest muss das Kind etwas zu sich nehmen“, beschloss die besorgte Frau des Hauses und servierte einen Querschnitt der gängigen Futtermittel, feucht und trocken, roh, gekocht und aus Dosen. Dies würdigte Kenya höflich, aber bestimmt: Einen Blick auf den zugedachten Teller werfen, einmal drüber schlecken, immerhin, vielleicht als Tribut an die gespannt wartende Futterzubereiterin, dann eilig davon traben. Ihre Mine signalisierte unzweideutig: „Lästige Angewohnheit, regelmäßige Mahlzeiten zu sich zu nehmen. Reine Zeitverschwendung! Völlig überbewertet!“
Dennoch: Entgegen aller ernährungsphysiologischer Erkenntnisse nahm Kenya an Größe und Gewicht zu. Das beruhigte etwas.
Als könne sie dann doch unsere fragend-vorwurfsvollen Avancen nicht länger ertragen, nahm sie heftige Schmuseattacken auf uns in ihr Programm auf. Sie warf sich ohne Vorankündigung auf einen Schoß, wahlweise männlich oder weiblich, drückte das Köpfchen energisch in die Hand und schnurrte wie um ihr Leben. Genau so abrupt wie sie erschienen war, eilte sie über kurz oder lang wieder davon, nicht ohne uns einen abschließenden Blick zuzuwerfen. Wir verstanden auch ohne Worte: „Ihr habt bekommen, was ihr wollt. Nun muss aber auch mal wieder Schluss sein.“
Dann, eines Tages, kam die Sternstunde dieser kleinen Somali. Eine neue Aufgabe bot sich ihr an, besser: flog, in ihr Blickfeld, das fortan ihre Umtriebigkeit weitaus zielstrebiger machen sollte: Fliegen, dicke, schwarze Fliegen. Sie fing sie zunehmend mit Geschick und Ausdauer, an jedem Ort, notfalls im Sprung, ohne Rücksicht auf Verluste von umher stehenden Dekorationen.
Wenn es irgendwo im Hause schepperte oder klirrte, hatte Kenya wieder einmal zugegriffen. Sie trug die Beute behutsam im Maul umher, entließ sie gelegentlich für eine kleine Flugschleife, fing sie wieder ein, spuckte sie dann mit spitzem Mäulchen auf den Teppich, warf sich daneben, legte wohl auch das Köpfchen ein wenig schief und betrachtete ihr Opfer fast liebevoll-zärtlich, während dies angeschlagen zu entkommen suchte. Gelang dies beinahe, legte Kenya wie beiläufig eine Pfote auf das Krabbeltier mit exakt dem Druck, der zum Festhalten ausreichte, aber nicht zum Tod durch Erdrücken führte, hob die Pfote dann wieder, um mit weiteren Verhaltensforschungen fortzufahren.
Gerne warf sie ihr Studienobjekt auch probeweise in die Trinkschale, um die Schwimmfertigkeiten zu überprüfen, wobei sie die Aktivitäten der bereits ermüdeten Fliege durch Anstupsen mit der Pfote anzuregen versuchte.
Zwangsläufig endeten diese Spielchen irgendwann mit dem Dahinscheiden des Insekts. Die Herrin der Fliegen war Realistin genug, in dem Fall keine weiteren Bemühungen zu verschwenden oder auch nur für die Beseitigung der Leiche zu sorgen, sondern suchte sich ratz fatz eine neue, ungebrauchte Fliege.
Die Fliegen im Haus wurden rar.
Kein Problem für Kenya – als hätte sie an diesen lediglich die Grundzüge des Erbeutens und Mordens geübt, wagte sie sich mit den gewonnenen Erfahrungen größeren Beutetieren zu: Mäusen.
In Ermangelung eines echten Exemplars erklärte sie eine mittelgroße, graue Stoffmaus aus dem Spielzeugfundus zu ihrem persönlichen Besitz und ließ ihr das volle Repertoire zukommen, dass sie an den Fliegen entwickelt hatte, also Flugübungen, Wurftechniken, Schütteln, Umhertragen, Ersäufen.
Als ich von einer Ausstellung eine große weiße Stoffratte mitbrachte in etwa naturgetreuer Größe, ließ Kenya das Mausen sein und spezialisierte sich auf Ratten. Diese konnte sie dank ihrer Form und Größe besonders effektiv quälen, schütteln, werfen, umhertragen. Zwangsschwimmen entfiel allerdings leider, da sich die Wasserschale als zu klein erwies.
Die wahre Sensation in Kenyas Jagdkarriere wurde dadurch eingeleitet, dass ein Neuseeland-Heimkehrer uns einen Stoffkiwi mitbrachte, ein rundliches, kuscheliges Kiwibaby mit langem gebogenem Schnabel, zwei riesigen gelben Füßen, alles etwa in der Größe eines luftleeren Fußballs.
Spontan annektierte Kenya den Kiwi und schleifte ihn versuchsweise ein Stück, was etwas mühsam war wegen seiner Größe und Unhandlichkeit. Wir belächelten diesen offensichtlichen Missgriff, mussten aber dann zugeben, dass wir Kenya in ihrem Einfallsreichtum unterschätzt hatten. Sie probte das Tragen an allen möglichen Körperteilen, dem Schnabel, der als prädestiniert ins Auge stach, auch den beiden Füßen, gelegentlich auch an der Waschanleitung, aber fand letztlich den prallen schwanzlosen Hintern am besten geeignet, da sie an dieser Stelle so recht herzhaft zubeißen konnte.
Es zeigte sich schnell, dass dieses Beutetier einen größtmöglichen Wiedererkennungs- und Wiederfindungswert besaß. Es verschwand nicht unentwegt in den Tiefen der Spielzeugkiste, in Ritzen oder unter Möbeln, für Pfoten unerreichbar, sondern war stets sicht- und greifbar.
Allerdings wies der Kiwi, wie bereits Maus und Ratte zuvor, einen entscheidenden Mangel auf: Er bewegte sich nie, flüchtete nicht, paddelte nicht hilflos im Wasser umher, stellte sich vorwiegend einfach tot.
Sollte es sich aber bei einem Kiwi nicht doch unmissverständlich um einen LAUFvogel handeln?
Diese Diskrepanz forderte nun Kenyas kreatives Potential heraus. „Wenn der Kiwi sich nicht bewegt, muss er bewegt werden“, sagte sie sich und bewies damit geradezu philosophischen Durchblick. Wenn mehr Menschen diesen Gedanken umsetzen würden in diesem Sinne: „Ich kann den anderen nicht ändern, also muss ich mich verändern“, wäre die Welt um einen Hauch perfekter.
Inzwischen hat Kenya für sich und den Kiwi ein detailliertes Trainingsprogramm erstellt, das täglich, ja stündlich absolviert wird.
Nachdem das übrige ignorante Katzenvolk Kenyas übermütige Laufspiele boykottiert, hat sie im Kiwi ihren Kumpel gesucht und gefunden. In unregelmäßigen Intervallen, entsprechend einem offenbar ausgeklügelten Timing, trägt sie ihren Schatz von einem Ort zum anderen und wieder zurück. In freier Natur eher nachtaktiv, kann sich der Vogel dem zupackenden Wesen dieser rund-um-die-Uhr-aktiven Katze nicht entziehen. Im Gegenzug kommt aber die enge Verbindung seinem natürlichen Hang zur Monogamie entgegen, was ihn auch in unseren Augen sehr sympathisch macht, ganz entsprechend der allgemeinen Rührseligkeit angesichts menschenähnlichen Verhaltens von Tieren.
Der Kiwi kommt viel rum, kennt jeden Winkel des Hauses, wird an immer neuen Plätzen beobachtet. In den seltenen Verschnaufpausen wird er heftig geschüttelt, fliegt den einen oder anderen doppelten Salto, und ist dabei stets in Gefahr, sich bei der unsanften Landung den Schnabel zu brechen.
Während dieser Aktivitäten muss der Vogel unablässig durch lautes Knurren verteidigt werden. Hier allerdings irrt Kenya: Keine der anderen Katzen käme jemals in die Versuchung, ihr das „Ding“ abspenstig zu machen. Im Gegenteil, sie schütteln sich vor Ekel, vorwiegend vor dem Neuseeländer, aber auch angesichts der vogeligen Somali.
Kommt Kenya mit dem rhythmisch auf- und abhüpfenden Kiwi im Maul, bei hoch erhobenem Kopf, um laufhemmenden Bodenkontakt zu vermeiden, direkt auf den Betrachter zu, entsteht in seinen Augen unweigerlich die Vision eines angreifenden neuseeländischen Laufvogels im Katzenkostüm.
Manchmal wähnt man Kenya im Tiefschlaf, berechtigterweise. Doch urplötzlich fährt sie auf, läuft zielgenau auf ihren Kiwi zu, packt ihn, dreht einige eilige Runden, legt ihn dann ab und sich daneben. Gemeinsam fallen die beiden Seite an Seite in den verdienten Schlaf.
Da will ich sie jetzt nicht stören.
Unter uns: Seit längerem bin ich über Kenyas Umgang mit dem Kiwi leicht beunruhigt. Ich stelle mir Fragen:
Betrachtet sie ihn tatsächlich als Beute oder…?
Kann sie ein Kitten im Ernstfall von einem Kiwi unterscheiden?
Wird Kenya sich bei einer zukünftigen Aufzucht von Kitten an ihren Umgang mit dem Kiwi orientieren? Und würden diese das schadlos überleben?
Mit der Tragstarre sollte sie sich durch das perfekt schlaffe Verhalten des Kiwis gut auskenne. Aber wie steht es mit der erforderlichen Beißhemmung?
Sollte man besser jetzt vorsorglich einen Kiwi-Entzug einleiten, um dereinst keine Dramatik bei einem eventuellen Kenya-Wurf zu riskieren?
Am besten warten wir einfach auf das natürliche Ableben des Neuseeländers. Ich glaube, die eine Naht löst sich bereits ein wenig.
Isabel Delank